Ich habe schon Angebote rausgeschickt, die ich für gut hielt. Klar formuliert, fairer Preis, alles drin. Und dann kam beim Kunden die eine Frage, auf die ich keine Antwort hatte. Nicht weil sie schwer war. Sondern weil ich die Lücke selbst nie gesehen hatte.
Das ist kein Zufall. Es ist Systematik.
Warum du dein eigenes Angebot nicht lesen kannst
Wer ein Dokument schreibt, kennt die Absicht dahinter. Genau das macht blind. Ich lese meinen eigenen Text und ergänze im Kopf automatisch das, was ich gemeint habe. Die Lücke, die ein Fremder sofort sieht, fülle ich beim Lesen unbewusst selbst.
Kollegen helfen da selten. Nicht weil sie es nicht könnten. Sondern weil sie zu höflich sind. “Liest sich gut” ist die bequemste Antwort, und meistens die, die man bekommt. Der Einzige, der wirklich hart liest, ist der, bei dem es Geld kostet: der Einkaufsleiter, die skeptische Kundin, der Inhaber, der die Bindung über ein Jahr unterschreiben soll. Der findet jedes Loch. Nur leider erst, wenn das Angebot schon draußen ist.
Ich wollte diese Person vorher am Tisch haben. Also habe ich sie gebaut.
Was blindfleck macht
blindfleck ist ein Skill für Claude Code. Ich gebe ihm mein Angebot, und er liest es nicht als wohlwollender Assistent, sondern als der härteste realistische Gegenspieler, den das Dokument treffen kann. Zuerst sagt er mir, aus wessen Kopf er liest und was für den auf dem Spiel steht. Dann kommt die Abschussliste: fünf bis neun Einwände, der gefährlichste zuerst, jeder mit wörtlichem Zitat aus meinem Text, dem Einwand in der Stimme des Gegenübers und einem konkreten Fix zum Einbauen.
Ein Beispiel aus einem echten Lauf. Das Testangebot ist fiktiv, eine erfundene Agentur macht einem erfundenen Autohaus ein Social-Media-Angebot. So beginnt blindfleck:
Ich lese das als Inhaber des Autohauses Terbrüggen, der eine Bindung über 22.680 EUR zzgl. MwSt (1.890 EUR mal 12 Monate) unterschreiben soll und sich fragt, was am Ende dabei für sein Autohaus herauskommt.
Und der erste Einwand, wörtlich:
1. 22.680 EUR im Jahr, und ich weiß nicht, wofür · DEAL-KILLER
Warum das den Deal killt: Ohne Wertanker vergleiche ich nur den Preis, und da ist fast jeder Wettbewerber und die freie Praktikantin billiger.
Das ist der Ton. Kein Lob, keine Watte. Am Ende steht ein Urteil im Klartext: “Würde ich das unterschreiben? Nein. Behebt Einwand 1 bis 3, dann reden wir ernsthaft weiter.” Damit die Kritik glaubwürdig bleibt, sagt blindfleck auch die eine Sache, die hält. Nicht mehr als eine.
Der Teil, den kein anderes Werkzeug hat: es merkt sich alles
Jetzt kommt der Grund, warum ich das überhaupt gebaut habe. Meine Schwächen wiederholen sich. Es sind nicht jedes Mal neue Fehler, es sind dieselben zwei oder drei blinden Flecken in jedem Dokument, das ich schreibe. Nur führt niemand darüber Buch.
blindfleck schon. Nach jedem Lauf aktualisiert er ein Profil in .blindfleck/gedaechtnis.md, eine simple Markdown-Datei, eine Zeile pro Muster. Beim nächsten Angebot prüft er genau dort zuerst. Taucht dieselbe Schwäche wieder auf, hängt er ein Schild dran:
🔁 Wiederkehrender Blindfleck: Preisbegründung fehlt, 2. Mal
Und wenn ein alter Fleck aufhört aufzutauchen, sagt er das auch: ✅ Behoben: Kein nächster Schritt definiert (war 2x).
Das ist die ganze Idee. Ich baue an selbstverbessernden Systemen, und das hier ist eins im Kleinen. Das Werkzeug wird mit jeder Nutzung treffsicherer, weil es meine Muster kennt. Und ich werde besser, weil ich schwarz auf weiß sehe, dass ich zum dritten Mal vergessen habe, den Preis am Wert zu verankern. Ein Kritiker, der einmal grillt, ist ein netter Abend. Ein Kritiker, der sich merkt, wo du schwach bist, verändert, wie du schreibst.
Die ehrliche Grenze
blindfleck erfindet nichts. Er argumentiert nur mit dem, was auf der Seite steht und was fehlt. Er zieht keine Marktzahlen aus dem Nichts und keine Wettbewerbspreise, die er nicht kennt. Wenn dein Angebot keine Referenz hat, sagt er “keine Referenz”, nicht “die Konkurrenz hat drei”.
Und er beurteilt keine Rechtsfragen. Wenn im Text ein Garantieversprechen oder eine Haftungszusage steht, markiert er die Stelle und sagt dir, dass ein Anwalt draufschauen soll. Er spielt nicht den Juristen. Das ist keine Bescheidenheit, das ist die Grenze eines Werkzeugs, das Texte liest und keine Gesetze auslegt.
Er ist ein Stresstest, kein Umschreib-Service. Er zeigt dir erst den Schaden und bietet erst danach an, die Fixes einzubauen.
Ausprobieren
blindfleck ist Open Source, MIT-Lizenz, kostenlos. Am bequemsten läuft es mit Claude Code. Installation:
git clone https://github.com/FermainPariz/blindfleck.git
mkdir -p ~/.claude/skills
cp -r blindfleck/skills/blindfleck ~/.claude/skills/
Dann in dem Ordner, in dem dein Dokument liegt:
/blindfleck angebot.md
Oder einfach: “Zerpflück mein Angebot.” Es antwortet in der Sprache deines Dokuments, Deutsch und Englisch laufen beide.
Kein Claude? Auch gut. Der Skill ist eine Anleitung, kein Programm. Jeder datei-fähige KI-Agent (OpenAI Codex, Gemini CLI und Co.) führt die SKILL.md direkt aus, inklusive Gedächtnis. Und für ChatGPT oder jede andere Chat-KI liegt im Repo eine Copy-Paste-Version (universal/PROMPT.md): Prompt einfügen, Dokument einfügen, am Ende gibt dir die KI dein aktualisiertes Blindfleck-Profil zum Aufheben für den nächsten Lauf. Gleicher Lern-Loop, manuelles Gedächtnis.
Ein letzter Gedanke, falls du es benutzt: Schau dir nach dem dritten oder vierten Angebot dein eigenes Blindfleck-Profil an. Nicht die einzelnen Einwände, das Muster darunter. Das ist der Satz, den du dir am häufigsten selbst durchgehen lässt. Und genau der kostet dich draußen die Deals.